· 

#06 «Begriffe machen unsere Welt» 2.0

In Blogbeitrag #01 habe ich über die Begriffe «Unterricht» und «Lehrperson» nachgedacht. «Lehrperson» habe ich mit «Lernprozessgestalter» ersetzt. Ich will noch einmal darüber nachdenken, ob dieser Begriff wirklich stimmig ist.

Einen neuen Begriff für «Unterricht» bin ich dir noch schuldig geblieben. Wie gefällt dir «Lernraum»?

 

«Herzlich Willkommen in meinem Lernraum!» wäre dann die Begrüssung bei Schuljahresbeginn, anstatt «Herzlich Willkommen in meinem Unterricht!». Ah, Moment, es muss «unser Lernraum» heissen. Denn: Ich will ja einen demokratischen, von den Studierenden selbstgesteuerten Lernprozess ermöglichen.

 

Wobei wir gleich beim «Lernprozessgestalter» sind. Ich denke, dass «Lernprozessbegleiter» besser passt. «Gestalter» impliziert nach wie vor, dass ich das Lernen der Studierenden steuern oder eben gestalten kann. So ist es aber nicht.

Es ist die Frage, wie wir alle uns neues Wissen, neue Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen. Es ist die Frage danach, wie wir die Realität erkennen oder sogar, was Realität ist.

 

Prof. Dr. phil.-nat. Willi Stadelmann: «Wir alle, und das gilt bereits beim heranwachsenden Kind, konstruieren unser Wissen und Verhalten auf dem Hintergrund unserer Vorerfahrungen.»*

Das bedeutet also, dass je nach Vorerfahrung, die wir gemacht haben, neue Inhalte in unserem Gehirn verarbeitet werden und so eine neue, eigene Realität entsteht. Was denkst du?

 

Ich lande beim sog. Konstruktivismus:

«Im Kontext von Lerntheorien bedeutet das, dass Wissen nicht von einer Person auf eine andere Person übertragen werden kann, sondern von jedem Menschen neu konstruiert wird. Wenn z.B. eine Lehrperson einem Schüler etwas erklärt, speichert der Schüler die Informationen nicht einfach ab, sondern konstruiert sich anhand der aufgenommenen Informationen sein persönliches, individuelles Abbild der Realität – abhängig von seinem Vorwissen, seinen Einstellungen und der aktuellen Lernsituation. Demzufolge ist Lernen kein passives Speichern, sondern ein aktives Konstruieren von Wissen.» 

 

Na denn, ich versuche mal ein Beispiel zu machen:

Vorerfahrung Studierender:

«5 Wochen Ferien»

Neue Erfahrung im Lernraum:  «Gemäss Art. 329a OR hat jeder Arbeitnehmer, jede Arbeitnehmerin Anspruch auf 4 Wochen Ferien.»
Mögliche Lernprozesse:

«Warum habe ich 5 Wochen Ferien?»

«Warum hält sich mein Arbeitgeber nicht an das Gesetz?»

«Ist es überhaupt erlaubt, 5 Wochen Ferien zu gewähren?»

Je nach dem, welche Erfahrungen der Studierende mit dem Arbeitgeber gemacht hat, sieht er diese Abweichung als positiv oder als zuerst einmal negativ an (obwohl das Resultat ja positiv für ihn ist). Das Lernen wird hier auch von Gefühlen geleitet, wie z.B. Unsicherheit, Freude, Gefühl der Wertschätzung, Skepsis usw.

Weiter beeinflusst die Reaktion der Mitstudierenden das Lernen. Schreien alle auf «Was, du hast 5 Wochen Ferien?!?» und äussern Eifersucht oder sind alle begeistert davon? Meint die Mehrheit «Ah, das ist bei uns auch so» und damit ist es nichts Besonderes?

Stell dir die Situation im Lernraum mal genau vor. Spürst du wie Lernen ein aktiver, konstruktiver, aber auch emotionaler, situativer und sozialer Prozess ist?

Ich kann diesen Prozess nur begleiten. Ich denke, dass die Möglichkeiten der Gestaltung begrenzt sind. Ich kenne ja nicht sämtliche Vorerfahrungen meiner Studierender, geschweige denn, dass ich jeden einzelnen Lernvorgang kontrollieren könnte.Deshalb entscheide ich mich ab sofort für den Begriff «Lernprozessbegleiterin». Vielleicht ändere ich meine

Je nach dem, welche Erfahrungen der Studierende mit dem Arbeitgeber gemacht hat, sieht er diese Abweichung als positiv oder als zuerst einmal negativ an (obwohl das Resultat ja positiv für ihn ist). Das Lernen wird hier auch von Gefühlen geleitet, wie z.B. Unsicherheit, Freude, Gefühl der Wertschätzung, Skepsis usw.

Weiter beeinflusst die Reaktion der Mitstudierenden das Lernen. Schreien alle auf «Was, du hast 5 Wochen Ferien?!?» und äussern Eifersucht oder sind alle begeistert davon? Meint die Mehrheit «Ah, das ist bei uns auch so» und damit ist es nichts Besonderes?

Stell dir die Situation im Lernraum mal genau vor. Spürst du wie Lernen ein aktiver, konstruktiver, aber auch emotionaler, situativer und sozialer Prozess* ist?

Ich kann diesen Prozess nur begleiten. Ich denke, dass die Möglichkeiten der Gestaltung begrenzt sind. Ich kenne ja nicht sämtliche Vorerfahrungen meiner Studierender, geschweige denn, dass ich jeden einzelnen Lernvorgang kontrollieren könnte. Deshalb entscheide ich mich ab sofort für den Begriff «Lernprozessbegleiterin». Vielleicht ändere ich meine Meinung auch wieder. Ich stecke ja mitten in einem individuellen Lernprozess.

 

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Freude beim Gestalten deiner eigenen Wirklichkeit und freue mich auf deine Gedanken zu diesem Blogbeitrag.

 

Heb dier Sorg, Miriam

 

*Prof. Dr. phil.-nat. Willi Stadelmann ist Naturwissenschaftler und Pädagoge, wissenschaftlicher Beirat des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) sowie ehemaliger Direktor der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Zitiert von HIER (besucht 25.9.18).

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0